Ziel der Methode „Lesen durch Schreiben“ ist das Verschriften von Lauten zu Buchstaben mit Hilfe einer Anlauttabelle. Die Kinder schreiben Buchstabe für Buchstabe analog zum Hören auf. Tun sie dies über die Dauer eines ganzen Schuljahres, besteht die Gefahr, dass Kinder das kognitive Erklärungsmuster verinnerlichen, dass Schrift eine reine Umsetzung gesprochener Sprache darstellt. Unsere Schreibung beruht jedoch nicht auf einer Eins-zu-eins-Umsetzung der Lautung, sondern wird durch eine Vielzahl rechtschriftlicher Strategien und Prinzipien bestimmt. Mit dieser Realität werden die Kinder im zweiten Schuljahr konfrontiert, wenn die Orthografie mit Einsatz der gängigen Sprachbücher einen immer höheren Stellenwert einnimmt und über die reine Abhörstrategie nicht bewältigt werden kann.

Die Methode „Lesen durch Schreiben“ stellt eine erste Strategie im Schreiblernprozess dar. Als individueller Einstieg in diesen lebenslangen Prozess vermittelt sie schnelle Erfolgserlebnisse. Das ist ihre Stärke, sie ermöglicht individuellen Lernfortschritt, wirkt stark motivierend und fördert eine positive Lernhaltung der Schreibanfänger.

Das Erlernen der Phonem-Graphem-Korrespondenz, also die Zuordnung von Lauten zu Buchstaben, beschränkt sich jedoch bekanntermaßen nicht nur auf das Gehör, sondern setzt ein gezieltes Strategienlernen voraus. Hiermit muss daher zu Beginn des zweiten Schuljahres angesetzt werden.
In den modernen Sprachbüchern findet endlich eine Ablösung vom rein visuellen Wortschatztraining hin zum Strategienlernen statt. Der Weg ist gut, doch fehlt eine Strukturierung, eine Isolierung der Schwierigkeiten. Kinder, deren einziges zur Verfügung stehendes „Werkzeug“ zum Verschriften von Sprache das Ohr ist, können nicht von heute auf morgen auf den visuellen Lernkanal umschwenken und erfolgreich Wortbilder verinnerlichen. Das haben sie noch nicht gelernt!
Ihr bisheriger kognitiver Zugang zur Schrift war das Gehör. Dieser Zugang sollte nun in kleinen Schritten ergänzt und erweitert werden. Jede Strategie ist ein neues Werkzeug in ihrem „Strategienkoffer“, mit dem sie den Urwald der Rechtschreibung lichten und sich ihren Weg zu sicheren Rechtschreibern bahnen können. Für den Lehrer besteht die Herausforderung, diese Strategien sinnvoll zu strukturieren. Bei guter Planung bauen Strategien aufeinander auf. Sie lassen sich entdecken, begreifen und damit auf neue Schwierigkeiten transferieren. Wer verinnerlicht hat, dass es kurze und lange Vokale gibt, ist gut vorbereitet für das Dehnungs-h, das tz und die Schärfung beim s. Wer durch Mehrzahlbildung die Auslautverhärtung beim d und t beherrscht, kann diese Strategie auch für das b und p, das g und k anwenden.

In meiner Unterrichtspraxis habe ich mit Beginn des zweiten Schuljahres Schritt für Schritt im Klassenverband wesentliche Rechtschreibstrategien erarbeitet, deren Einsatz und Anwendung die Kinder über vielfältiges Freiarbeitsmaterial wie z. B über die Rechtschreibscheiben und die Wendekarten zur Auslautverhärtung automatisiert haben. Die differenzierenden Freiarbeitsmaterialien zum aktuellen Übungsschwerpunkt öffneten den Unterricht, erhielten die Lernfreude und setzten das individuelle Lernen des ersten Schuljahres im strukturierten und gelenkten Rechtschreibunterricht des zweiten Schuljahres fort. Wöchentliche ungeübte Diktate wurden vom Wortmaterial her isoliert und auf den aktuellen Lernstand zugeschnitten. Schreibungen, welche dem Lernstand noch nicht entsprachen, wurden konsequent ausgeklammert. Auch bei der Korrektur freier Schreibungen wurden konsequent nur diejenigen Falschschreibungen markiert, welche dem aktuellen Lernstand entsprachen. So hatten die Kinder zu jeder Zeit einen transparenten Blick auf die aktuellen Anforderungen, auf ihren tatsächlichen Lernstand und damit auf ihre in der Freiarbeit zu bedienenden individuellen Reserven. Mit dem Ende der Klasse 3 wurde eine Isolierung des Wortmaterials überflüssig. In Klasse 4 stieg der Umfang der diktierten Texte von 90 auf 120 Wörter.

Letztlich ist jede Methode und jeder Ansatz immer nur so gut wie der Lehrer, oder die Lehrerin, die ihn lebt und vertritt. Gerade zum Schuljahreswechsel stelle ich mich und meine Methoden immer wieder in Frage und bin damit sicher nicht allein. Ich denke, ich habe meinen Weg gefunden, denn ich erfahre viel Bestätigung im Alltag. Aktuell bin ich genötigt, mit der Tobi Fibel zu arbeiten. In der Kombination mit meiner selbst erstellten Anlauttafel und meiner neuen Handpuppe Leo ist das eine echte Herausforderung. Ich bin gespannt auf die Fibelarbeit und vor allem darauf, wie ich sie mit meinen eigenen Vorstellungen sinnvoll verbinden kann. Ich wünsche euch allen ein erfolgreiches neues Schuljahr!
Steffi

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